Leseproben

HAFENKLANG

So ist das also, wenn es zu Ende geht, dachte er. Nichts geht mehr, nicht einmal im Kopf. Klares Denken fiel ihm schwer, er hatte nur noch Angst. Die überlagerte alles. Er spürte feuchtes Gras im Gesicht. Mitten im Hafen? Wie konnte das sein? Lag er am Boden? Er versuchte, seinen Kopf zu heben. Oder zu drehen. Nichts. Ging einfach nicht. Seine Arme, was war mit seinen Armen? Er spürte sie nicht. Er fühlte eigentlich gar nichts. Nur der Kopf ratterte noch, ein bisschen. Slow Motion. Wie im Energiesparmodus. Die Lampen brannten noch, aber es wurde nicht richtig hell.

Und die Ohren! Konnte nicht jemand mal den Ton abdrehen? Das Tuten der Barkassen. Das Rasseln der Gangways. Das Klong der Containerbrücken. Die Stimmenfetzen von den Stehkneipen an den Anlegern. Einfach ausschalten. Das zerreißt einem sonst den Schädel!

Er wunderte sich, dass ihm nichts wehtat. Stattdessen fühlte sich alles nur irgendwie hohl an. Und dumpf. Wie eine leere Hülle. Mit Watte gefüllt. Nichts Festes, nur weich. Wie diese wabbeligen Kinderbonbons. Wie hießen die noch mal? Marshmellows? Mäusespeck? Oder wie im Bällebad bei IKEA, wenn er da seinen Jüngsten abholt. Wenn man nach ihm greift, sinkt der immer tiefer. Bis nach unten. Auf den Grund.

War er schon unten? Er konnte nur zwei Sportschuhe sehen. Keine Marke, Sneakers für Arme. In den Schuhen steckten zwei Hosenbeine. In Jeans. Dazu ein paar Lichter auf Höhe der Grasnarbe. Warum hingen die so tief? Er versuchte es noch einmal und wollte den Kopf heben. Wieder nichts. Keine Power. Er hörte leises Stöhnen. Ein Zwischenton im Hafenklang. War er das?

So weit ist es also schon, dachte er. Er wollte etwas sagen, schreien vieleicht. Hilf mir, du Penner! Oder so. Aber da kam nichts. Kein einziger Ton. Irgendwo gurgelte es. Er schmeckte Süßliches. Was zum Teufel war das? Schmeckte so Blut? Er konnte nur noch häppchenweise denken. Das konnte es doch nicht schon gewesen sein. 50 Jahre und ein paar Tage war er alt. Das halbe Leben lag doch noch vor ihm, fast jedenfalls. Jetzt lag er hier. Platt auf dem feuchten Boden. Wie ein Butt im Watt.

Er fühlte keinen Schmerz. So schlimm konnte es dann eigentlich doch nicht sein. Er versuchte, sich an dem Gedanken festzuklammern. Aber es half nicht, er spürte einfach nichts. Nur die Augen funktionierten noch und der Kopf. Etwas zumindest. Wie im wahren Leben. Auf seinen Kopf hatte er sich immer verlassen können. Bis zuletzt. Und auf seinen Instinkt. Trotzdem war diesmal alles schiefgegangen. Ausgerechnet dieses Mal.

Er war total arglos gewesen. Was denn auch sonst. Er selbst hatte den Kerl einbestellt. Auf die dunkle Seite der Elbe. Gegenüber der Lichterkette von den Landungsbrücken und der Glitzermeile von St. Pauli. Um dem Typen ein bisschen Angst zu machen. Ihm eine Lektion zu verpassen. Damit er wieder spurte. Und nicht noch ein Spiel versaute. Dieses Weichei. Gezittert hatte der, als er aus dem Auto stieg. Das konnte jeder sehen. Also echt, wie 'ne Pussy. Und dann war alles aus dem Ruder gelaufen. Irgendwie.

Er wollte nicht sterben. Nicht hier, auf einer dreckigen Brachfläche im Hafen. Nicht jetzt. Nicht so. Wann rief der Typ endlich nach den Sanis? Oder waren die schon auf dem Weg? Die Lampen wurden schwächer. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Als er ankam, war alles dunkel gewesen. Nur die Scheinwerfer und Laternen brannten hell herüber von den Containerterminals und von den Schiffsanlegern. Jetzt gehen irgendwie die Lichter aus. Ich will noch nicht sterben, dachte er. Schon gar nicht wegen dieses Mistkerls. Der traute sich doch sonst nichts.

Er selbst hatte seinen Sohn weggeschickt. Er brauchte ihn nicht. Der große Milan, der alles im Griff hatte. Der King. So einer wie er brauchte niemanden. Vor dieser Memme musste keiner Angst haben. Er schon gar nicht. Wie gern hätte er jetzt seinen Sohn hier. Er brauchte Hilfe. Merkte das denn niemand? Der Notarzt musste doch längst auf dem Weg sein. Die billigen Turnschuhe gingen aus dem Bild. Was hatte das zu bedeuten? Um die Retter in Empfang zu nehmen? Ihnen den Weg zu weisen? War das Dröhnen in seinem Kopf ein Motorengeräusch? Endlich. Er spürte den feuchten Boden im Gesicht nicht mehr. Endlich hatte die Qual ein Ende.

Das Licht ging aus.

(...)


HAMBURG | am Hafen

Vor den Landungsbrücken schaukelten die Möwen auf den Wellen. Die Elbe war etwas kabbelig. Der Wind blies aus Nordwest und gegen den Strom, der sich mit der ablaufenden Tide auf den Weg nach Cuxhaven machte und mit leicht kräuselnden Schaumkronen den Kurs anzeigte. Immer das gleiche Spiel, alle paar Stunden neu. Die ewige Reise, die nie zum Ziel kommt. Stromab und stromauf. Eleni mochte das. Sie ging gern runter zum Hafen. Vor allem, wenn sie nachdenken musste. Dann stand sie auf irgendeinem Kai oder auf der anderen Seite neben dem Alten Elbtunnel, am liebsten mit einem Bier in der Hand, und guckte in die Weite. Nur wer das Meer liebte, konnte das verstehen. Diese Weite, die man allein auf See haben konnte. Die Elbe war das Tor dazu, und es war weit offen.

Die junge Staatsanwältin stand auf den Landungsbrücken und stierte aufs Wasser. Neben sich ein großes Bier im Pappbecher. Sie mochte eigentlich kein Bier aus Plastik- oder Pappbechern. Aber neuerdings stellten sich die Kneipen am Hafen mit ihren Gläsern an. Der Schwund war zu groß. Deshalb hatte sie ihre Grundsätze großzügig beiseitegeräumt. Immer noch besser als eine HoPiHaliDo, die Lotto King Karl immer im Stadtpark besang. Die Holsten-Pilsener-Halbe-Liter-Dose. Die ging für sie gar nicht.

Sie hatte ihre Aktenberge verlassen, weil sie einen  klaren Kopf brauchte. So richtig geholfen hatte das bislang allerdings nicht. Sie sah den Möwen zu und war mit den Gedanken nicht bei der Sache. Eine Möwe allein war nur ein Seevogel. Drei Möwen waren Hamburg. Für sie jedenfalls. Wo es Möwen gab, war sie zu Hause. Das Kreischen vor allem der Sturmmöwen gehörte zum Hafen wie das Tuten der Barkassen oder das Singen der Van Carrier auf den Containerterminals. Sie ärgerte sich über die Kacke auf den Bänken und Brüstungen, aber ohne den Vogelschiet wäre Hamburgs Hafen nicht der Hamburger Hafen. Man kann nicht alles haben, dachte sie und nahm einen großen Schluck. Über ihr schwebten die Möwen auf ständiger Lauer, ob's zu dem Bier wohl auch ein Fischbrötchen gab, das irgendwelche Reste für sie abzuwerfen versprach. Zwei Touristen hatten Mühe, ihre Pommes in Deckung zu bringen.

Sie versuchte, sich wieder auf ihren Fall zu konzentrieren, der für sie noch gar keiner war, sondern nur ein Haufen Papier.

Eleni war ratlos. Dass auf scheinbar unbedeutende Spiele enorm hohe und zum Teil auch kuriose Wetten abgeschlossen werden konnten, hatte sie nach stundenlanger Lektüre kapiert. Nur, warum man auf ein völlig uninteressantes Zweitligaspiel in der Türkei wetten konnte oder auf ein Trainingsspiel der Hamburger im österreichischen Hinterland, das ging einfach nicht in ihren Kopf. Weil alle Beteiligten von den Schiebereien wussten, sogar die stinknormalen Wettkunden? Sie mochte das einfach nicht glauben.

"Was für einen Sinn macht das?", hatte sie Malte bei einer Kaffeepause gefragt, der aber auch nur mit den Schultern zuckte. In der Sache weitergebracht hatte er sie kein Stück, er konnte ihr bei Fußball keine Hilfe sein. Sport war so gar nicht sein Ding. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sich nun auch Daniels Vorahnungen über ihren Sachverstand grad ein bisschen zu bestätigen schienen. Ziemlich klar war nach dem Aktenstudium zumindest, dass solche Schiebereien tatsächlich schwer zu belegen waren. Entweder weil es an konkreten Beweisen und Zeugen fehlte oder auch an der nötigen Hilfsbereitschaft durch Vereine und Verbände.

Wie sollte man da einem Clan wie dem von Petrovic rechtsverwertbar auf die Schliche kommen? Sie verlor an Mut und Zuversicht, die anfängliche Euphorie über die neue Herausforderung war verflogen. Vielleicht sollte sie Finn anrufen, dachte sie. Bevor sie nach Hause ging und sich am nächste Morgen beim General zu sehr blamierte. Der könnte ihr vielleicht helfen oder zumindest dafür sorgen, wieder ein wenig Optimimismus zurückzugewinnen. Finn Holgerson, von seinen Kollegen "Nils" genannt wegen der Ähnlichkeit seines Nachnamens zu der legendären Märchenfigur, war Sportredakteur und Fußballexperte beim "Abendkurier". Er war anders als die meisten anderen Sportjournalisten in der Medienstadt Hamburg. Natürlich lungerte auch er jeden Tag beim Training der Profis herum. Er wusste alles über ihre Patellasehnen und Adduktoren. Und auch über die Spielerfrauen. Aber sein Anspruch ging über aufgemotzte Transfernachrichten und triviale Homestrorys hinaus, auch wenn die kurzfristig tolle Klickzahlen und Auflage versprachen. Er wollte Hintergründe des gnadenlosen Geschäfts beleuchten und Schattenseiten des Profifußballs ans Licht zerren. Und falls nötig, auch dubiose Machenschaften auf den Tisch bringen. Selbst wenn es die Klubs seiner Heimatstadt betraf. Heimvorteil gab es für ihn nicht, damit unterschied er sich deutlich von anderen. Nils war in Ordnung, auf ihn konnte sie zählen. Das wusste sie.

Eleni überlegte, ob die späte Redaktionskonferenz beim "Abendkurier" wohl schon vorbei sein konnte, und drückte einfach mal auf die Kurzwahl von Finn. Ein Bild der Märchenfigur mit den Gänsen erschien in ihrem Display. Ob er das wohl komisch finden würde, wenn er davon wüsste, dachte sie noch, da war er schon dran. "Hallo, mein Mädchen, immer für dich da. Wann und wo?", säuselte er betont anzüglich in den Hörer. Der Spruch hatte sich zu einer Art Begrüßungsritual zwischen ihnen entwickelt. Er durfte das. Holgerson war glücklich verheiratet, zumindest sprach alles dafür, glaubte Eleni. Und er war fast zwanzig Jahre älter als sie. Ihr Kontakt war freundschaftlich und vertrauensvoll, man traf sich manchmal zum Kaffee und Informationsaustausch, mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
"Moin Finn, was läuft?", fragte sie.
"Komm, deshalb rufst du nicht an. Seit wann interessierst du dich für alte Männer? Was gibt's?"
"Ich brauch deine Hilfe, eigentlich Nachhilfe", räumte Eleni ohne Umschweife ein, "ich steh voll auf dem Schlauch."
"Da bin ich aber gespannt, wobei meine Superjuristin so blank dasteht", antwortete er. "Blank? Darf man das in Gegenwart einer Frau überhaupt noch sagen, oder ist das schon sexistisch?"
Eleni hörte sein Grinsen beinahe durchs Handy. Er versuchte gern, ein bisschen zu provozieren. Aber es war nie ernst gemeint. Und nie zu doll. "Was weißt du über Wettmanipulationen? Wie funktioniert das überhaupt? Und wer sind die großen Gewinner dabei?"
Für einen Moment war es still auf der anderen Seite. "Darf's auch ein bisschen kleiner sein, du drehst da an einem verdammt großen Rad", begann er dann, "wie viel Zeit hast du?" Als sie etwas verunsichert lachte, redete er einfach drauflos. "Die Kurzfassung: Einzelfälle gab es immer wieder, auch hier bei uns. Aber im großen Stil kennen wir das eigentlich nur aus anderen Ländern, zumindest wenn es um Fußball geht und wir von nachgewiesenen Manipulationen reden. Der Pfad zwischen simpler Bestechung und organisiertem Wettbetrug ist sehr schmal. Und oft genug nicht aufzuklären. Aus Griechenland kennen wir solche Meldungen zum Beispiel in schöner Regelmäßigkeit. Der Vereinspräsident eines großen Athener Klubs soll in der Pause eines Spiels sogar einmal in der Kabine der Schiedsrichter verschwunden sein, als sein Team überraschend zurücklag. Und das ist nur ein Fall von vielen."
"Griechenland interessiert mich weniger. Ich will das System kapieren und wissen, wie weit Deutschland betroffen ist oder ob hier Fäden zusammenlaufen." Eleni berichtete kurz von ihrem Auftrag, und ihr schwante immer mehr, dass der kompliziert werden würde. Es könnte die bislang größte Herausforderung ihrer Karriere sein.

(...)

HAMBURG | Schanzenviertel

Das "Schröders" war schon gut gefüllt, als Jens Lohmann durch die Tür trat und sich suchend in der Kneipe umblickte. Die meisten Gäste fieberten dem Anpfiff zur Übertragung der zweiten Liga entgegen. Obwohl der in den letzten Jahren immer weiter nach vorn gerückt war und inzwischen zur besten Mittagszeit den Samstag zerriss, hatten viele der Kneipenbesucher schon ihr erstes Bier vor sich. Vorglühen, um zum Spiel in Stimmung zu kommen. Das versprach einige Brisanz, denn Pauli musste auswärts in Dresden ran. Und dieses Treffen war mit Feindseligkeiten auf beiden Seiten emotional jedes Mal ordentlich aufgeladen.

Die Hamburger Fans identifizierten sich politisch gern links und autonom, die Dresdner hatten viele Faschos in ihren Reihen. So sahen es jedenfalls die Norddeutschen. Deshalb hatte es bei den letzten Spielen zwischen den rivalisierenden Gruppen immer heftig gekracht. Nach dem letzten Aufeinandertreffen am Millerntor war es zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen, die sich stundenlang im Schanzenviertel fortgesetzt hatten, fast bis vor die Haustür des "Schröders".

Die Kneipe gehörte zu den Stammlokalen der Fans des zweitgrößten Hamburger Klubs. Sven Schröder, der Besitzer und Wirt, hatte vor etlichen Jahren selbst bei den Braun-Weißen gekickt und war im Aufstiegsjahr 2001 ein paar Mal in die Erste eingewechselt worden, als deren Verletztenliste lang war. Auf sechs Spiele und 93 Bundesligaminuten hatte er es auf diese Weise gebracht. Aber zum sportliche Durchbruch hatte es nie gereicht. Seine Mannschaft blieb die Zweite, und die spielte in der Regionalliga, das war nur die vierte Spielklasse.

Mit 33 hatte Sven dann einen Knorpelschaden im Knie seines starken rechten Beins und kam nie wieder richtig auf die Füße. Deshalb beendete er mit 34 seine Karriere und eröffnete mit seiner andalusischen Frau an der Grenze zwischen St. Pauli und Altina sein eigenes Lokal. Im "Schröders" waren die Tapas hausgemacht und gut. Und sie waren trotz des Namens typisch wie beim echten Spanier ein paar Häuser weiter. Die Profis seines Klubs kamen deshalb häufig nach dem Training zum Essen oder Fußballgucken zu ihm. Sein Laden hatte fast schon Kultcharakter.

Die meisten Gäste hatten sich strategisch günstig um die Fernsehschirme gruppiert. Die drei Männer am Fenster konnten auf diese Weise relativ ungestört miteinander reden. Niemand beachtete sie, niemand saß am Nebentisch und konnte von dort auch nur zufällig mithören. Das war gut so, denn es gab einiges zu bereden.

Es dauerte einen Moment, bis Jens Lohmann den Raum gescannt und die drei am Fenster entdeckt hatte. Er ging zum Ecktisch und stellte fest, dass er nur einen der drei kannte. Marjan, mit dem er vor etlichen Jahren eine Saison lang in der Zweiten in Bremen gekickt hatte, sah ihn kommen und erhob sich vom Tisch. Er hatte "Jelo", wie Lohmann von seinen Mitspielern und den Medien genannt wurde, ein paar Tage zuvor angerufen und um das Treffen gebeten. "Das ist Emir", stellte er seinen Nachbarn zur Rechten vor. Der konnte glatt als Bruder durchgehen. Aber dazu sagte Marjan nichts. "Und das ist Ju Wang." Der junge Chinese verbeugte sich höflich.

Lohmann war überrascht. Er hatte lange überlegt, ob er sich auf das Gespräch überhaupt einlassen sollte. Es sollte vertraulich sein und um viel Geld gehen, das hatte ihn sofort misstrauisch gemacht. Und jetzt saßen zwei Männer mit am Tisch, die er noch nie im Leben gesehen hatte. Dazu einer aus Fernost. Was hatte das bitte zu bedeuten? Er hatte kein gutes Gefühl.

Marjan bestellte ihm auch ein alkoholfreies Bier und einen Teller mit gemischten Tapas. Die anderen hatten so einen bereits vor sich stehen. "Schön, dass du es einrichten konntest. Du wirst sehen, es wird sich lohnen", sagte er. Die beiden anderen sagten kein Wort. Er stellte sie auch jetzt nicht näher vor.

"Was soll die Geheimnistuerei, und was sind das für ominöse Geschäfte, für die du mich gewinnen willst?", fragte Lohmann ohne lange Vorreden. Zumindest die Tapas waren interessant, dachte er, nachdem er herzhaft in eine mit Speck umwickelte Dattel gebissen hatte.
"Es geht um Fußball und um viel Geld." Marjan kam direkt zur Sache. "Wir haben das Geld, und meine Freunde wollen damit spielen. Aber sie wollen auch gewinnen. Dafür brauchen wir Partner und Freunde, die ihnen dabei helfen." Er machte eine kurze Pause, damit sich die Worte etwas setzen konnten. "Mit anderen Worten: die dabei etwas nachhelfen." Emir und der Chinese blickten ihn gespannt an.
"Ich versteh nicht richtig. Nachhelfen?" Jens Lohmann schien nichts zu kapieren, oder er wollte es nicht.
"Ganz einfach. Wir sagen dir, wie ihr spielen sollt, und du hilfst ein bisschen, dass am Ende auch das richtige Ergebnis herauskommt."
"Häh, ihr wollt, dass ich ein Spiel türke?" Emirs Blick verdüsterte sich etwas bei der Formulierung, er mochte diese Sprache nicht. Sie beleidigte die Heimat eines Teils seiner Familie. Aber er sagte nichts.
"Damit wir zum Beispiel absichtlich verlieren?", setzte Jelo nach. Jetzt hatte er es gerafft. "Habt ihr sie noch alle? So 'n Scheiß mache ich nicht. Wir reden hier von Fußball und Sport, von Wettkampf."
"Ach ja, und der Bessere soll gewinnen?" Marjan lachte vor sich hin, und die beiden anderen sahen sich grinsend an. "Jetzt sag mir bloß noch, dass Fußball ein sauberes Spiel ist und Fairness belohnt wird. Dann kotz ich dir gleich vor die Füße."
Lohmann überlegte, ob er nicht besser einfach aufstehen und gehen sollte. Aber er hörte sich sagen: "Selbst wenn ich wollte, Fußball ist ein Mannschaftssport, da kann einer allein gar nichts ausrichten. Aber ich will das auch nicht. Ich bin dafür der falsche Mann."
Marjan überlegte einen Moment, welche Taktik wohl die richtige sein konnte. Good guy oder bad guy? "Wer sagt dir denn, dass du alleine bist?", sagte er dann mit sanfter Stimme. "Du wirst schon sehen, dass du nicht der Einzige bist."

Lohmann schwieg. Immerhin springt er nicht auf und geht, dachte Marjan. Das taten sie dafür vor den Fernsehern. Pauli war grad durch einen Sonntagsschuss in Führung gegangen. Damit hatte so kurz nach Anpfiff kaum jemand gerechnet. Das alkoholfreie Bier vor ihm war längst warm geworden, aber das war jetzt egal. Wie sollte der nächste Schritt aussehen, fragte er sich.

Dass es so schwer werden könnte mit Jelo, damit hatte Marjan nicht gerechnet. Mein Gott, wie kompliziert manche deutschen Spieler doch waren, wenn es um Ehre und Gewissen geht, dachte er. Was war es dagegen ein paar Stunden vorher doch einfach gewesen. Zum Frühstück hatten sie beim "Stadtbäcker" Georgios Papandreou getroffen. Der in Deutschland geborene Grieche hatte bereits für mehrere renommierte Drittligisten gekickt und dabei immer eine gute Rolle gespielt. Nur für ganz oben hatte es nie richtig gereicht. Zumindest hatte es ihm kein Klub zugetraut und ihm ein entsprechendes Angebot gemacht. Im Sommer würde "Jorgos" 32 Jahre alt, die Konkurrenz in Deutschland wurde immer härter, deshalb boten sie ihm an, für mindestens ein Jahr nach Griechenland in die zweite Liga zu wechseln. In ihrem Auftrag. Er sollte dort fünf, sechs Spiele beeinflussen, dafür konnte er 50.000 Euro kassieren, pro Match versteht sich. Eine Menge Geld für einen durchschnittlichen Drittligakicker. Und auf die Hand.

Große Angst brauchte er nicht zu haben, das hatten sie ihm überzeugend verklickert. Geschmiert wurde in Griechenland sowieso schon genug. Seit Jahren. Das wusste jeder. Immer wieder gab es größere Skandale und Zwangsabstiege für einzelne Vereine. Da kam es auf ein paar mehr oder weniger nicht an. Georgios brauchte sich also nicht mit einem schlechten Gewissen herumzuplagen.

Wohl auch deshalb hatte der nicht lange überlegt. Er willigte sofort ein, unter der Voraussetzung, dass er einen Vorschuss von zehn Riesen bekommen würde. Mehr Überredung war nicht notwendig. Nach einer Saison würde man dann weitersehen, vereinbarten sie, wohnen konnte er bei der Familie seines Vaters in Thessaloniki. Alles passte. Der Tag hatte so gut angefangen. Dann kam Jelo.

"Ich mach so was nicht", sagte Lohmann mit leiser Stimme, "ich will mir selbst in die Augen gucken können." Er konzentrierte sich dabei auf seinen Tapas-Teller und vermied jeden Blickkontakt. Jetzt nur nicht wackeln, ermahnte er sich.

(...)